HENNING BAUM ÜBER KRAFTTRAINING
MEHR ALS NUR SPORT

VON HENNING BAUM 

Fragt man jemanden, ob er stark sein will, so wird wohl jeder mit ja antworten.
Doch ist nicht jeder bereit, den Weg dafür zu gehen, denn der ist steinig und führt bergauf.
Als Kind dachte ich, dass man stark oder schwach geboren wird, dass die körperliche Konstitution durch Zufall und Glück bestimmt wird.
Ich hatte ganz gute Karten, war schnell und konnte gut klettern.
Es gab aber Jungs, die waren stärker als ich.
Das hätte mich auch nicht weiter gestört, wenn nicht einige unter ihnen auch noch gemein gewesen wären und ihre Stärke ausgenutzt hätten, um die anderen zu quälen.
So konnte das nicht weitergehen. Ich entschied mich, stärker – viel stärker – zu werden als ich es bis dahin war, um nicht länger hilflos zu sein. Keiner dieser bösartigen Kerle sollte mich oder meine Freunde je wieder tyrannisieren!
Dieser erste Impuls aus der Kindheit steht bis heute hinter meinem Antrieb und meinem Ehrgeiz.
Es ist nämlich damals wie heute für mich eine Frage der Entscheidung, ob ich stark sein will oder nicht. Für mich ist es Teil der großen Frage:
Wie will ich Leben?
Was für ein Mensch möchte ich sein?


TRAINING PRÄGT DAS GANZE LEBEN
Diese Urfrage prägt mein Handeln vermutlich mehr als alles andere. Denn um das Ziel zu erreichen muss ich trainieren; regelmäßig, hart, mit Disziplin. Und da man Kraft nicht besitzt und bewahren kann wie ein schönes Auto, das man in die Garage stellt, muss ich immer weiter trainieren.
So lange ich die Entscheidung treffe, stark sein zu wollen, strukturiert das mein Leben wie Licht und Dunkelheit den Tag bestimmen.
Dieses ständige Streben und sich Bemühen hat für uns als Menschen aber noch viel mehr zur Folge, als nur einen Gewinn an Körperkraft und Vitalität, die sich natürlich positiv auf unser ganzes Leben auswirkt: Es verändert uns auch in unserem Kern.
Es ist Sinnbild für unser Streben, uns zu entwickeln, und zwar eben nicht nur unsere Muskulatur, sondern insgesamt voran zu kommen, nicht träge zu sein und anzuerkennen, dass eine gewisse Mühsal zum Leben dazu gehört und nicht gemieden werden, sondern bereitwillig angenommen werden sollte.
 
Wer Kraftsport betreibt, geht sogar noch weiter.
Er sucht die Belastung.
Er will die Grenze verschieben.
Er kämpft mit dem Widerstand, bis gar nichts mehr geht. Erst dann, wenn er im Training vor keiner Anstrengung ausgewichen ist, kann er die Ruhe annehmen, die sich dann auch einstellt.

ERFOLGE ERKÄMPFEN – ERST DAS MACHT ZUFRIEDEN
Wenn man sich für diesen Weg entscheidet, dann wird sich diese Entscheidung auch in der ganzen Lebensführung niederschlagen.
Anstrengung wird nicht mehr als etwas gesehen, das es zu vermeiden gilt, sondern als Herausforderung.
„Macht es mich am Ende stärker?“, lautet die Frage, die sich der Kraftsportler stellt.
Wozu die Bequemlichkeit einfordern, wenn sie mich nur schwächt und verweichlicht?
Nicht die Gondel bringt mich auf den Berg, sondern meine Beine.
Und das Erleben des erkämpften Gipfels wird hundertmal schöner sein, als das durch Motorkraft erschlichene Erreichen der Bergspitze.
Und so formt der Kraftsport durch die Jahre den Menschen noch auf ganz andere Weise als „nur“ die stärker werdende Muskulatur.
Es wächst in noch viel größerem Maße der Wille, der uns immer wieder antreibt. Es wächst die Entschlossenheit, nicht aufzugeben, auch wenn es mühsam ist, auch wenn etwas stagniert, oder nach einer Zwangspause durch eine Krankheit oder eine Verletzung wieder neu begonnen werden muss.


PHYSISCHE UND PSYCHISCHE STÄRKE –  ZWEI SEITEN DERSELBEN MEDAILLE  
Der Kraftsport stärkt die Willenskraft, die uns auch hilft, andere Ziele im Leben zu erreichen, für sie zu kämpfen und nicht aufzugeben.
Es stärkt unseren Charakter, wird zum Sinnbild, das Leben immer wieder bei den Hörnern zu packen, nicht zu jammern und zu zagen, sondern die Herausforderungen und Chancen des Lebens anzunehmen.
Werde ich danach gefragt was ich mir wünsche, so antworte ich, dass ich immer trainieren möchte, so lange ich lebe, und mir die Freude mich an den Eisen abzumühen, nie verloren gehen möge.